Kommentar zur Studie „Christliche Religiosität und elterliche Gewalt“

des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen e.V.
vorgelegt von Christian Pfeiffer und Dirk Baier

Vorbemerkung
In der Debatte um die Schlagzeile „Gewalt an Kindern in Freikirchen“ geht es vorwiegend um eine
Studie, die das Kriminologische Forschungsinstitut unter der Leitung von Prof. Pfeiffer veröffentlicht
hat. Ich habe einige Zitate herausgenommen und kommentiert und mich dabei an die Gliederung der
fünfzehnseitigen Studie gehalten. Friedrich Schneider

 

I. Einleitung und Forschungsfragen
In der Einleitung betonen die beiden Verfasser – Christian Pfeiffer und Dirk Baier – die grundsätzliche
Tendenz, dass religiöse Orientierung einen positiven Einfluss auf Jugendliche ausübt. Dabei sei
ihnen aber aufgefallen, „dass sich die Zugehörigkeit zum katholischen Glauben etwas stärker
gewaltpräventiv auswirkt als die Mitgliedschaft in einer evangelischen Gemeinde.“ (S.1.)
 
Die konfessionellen Unterschiede weiter zu untersuchen, motivierte sie, „eine dritte christliche
Gruppe ins Blickfeld zu nehmen: die evangelisch-freikirchlichen Gemeinschaften.“ (S.2)
Eine Begründung, wieso diese Gruppe ihr Interesse hervorgerufen hat, bleibt offen. Gravierend ist
aber, dass weder einleitend noch im Laufe der Studie definiert wird, wer mit dieser
Gruppenbezeichnung „evangelisch-freikirchlich“ erfasst wurde.
Der Begriff scheint für sie so etwas wie ein Sammelbecken für alles irgendwie Christliche zu sein,
das nicht einer der beiden Großkirchen zugeordnet werden kann.
 
Als Kriterium für die Gruppe wird lediglich angedeutet, dass sie nicht durch die „vom Staat
eingezogene Kirchensteuer alimentiert“ werden, ein „hohes Zusammengehörigkeitsgefühl haben und
„nicht von dogmatischen Vorgaben der großen evangelischen ‚Mutterkirche‘ abhängig sind.“ (S.2)
Dass diese strukturellen Besonderheiten Anlass zu einer Untersuchung für das Kindeswohl sein
können, erscheint bereits in den einleitenden Abschnitten nicht einsichtig. So drängt sich die Frage
auf, ob die genannten Forschungsfragen tatsächlich ergebnisoffen untersucht wurden.
 
Allerdings sind die beiden Forschungsfragen grundsätzlich legitim:
„1. Unterscheiden sich Katholiken, Protestanten und Angehörige der evangelischen Freikirchen
hinsichtlich der erlebten Erziehungserfahrung, insbesondere hinsichtlich der Erfahrung
innerfamiliärer Gewalt?
2. Gilt für Katholiken, Protestanten und Angehörige der evangelischen Freikirchen gleichermaßen,
dass eine hohe Religiosität einen Schutzfaktor gegen Verhaltensauffälligkeiten und persönliche
Fehlentwicklungen darstellt?“ (S.2)

 

II. Die Studien
Pfeiffer/Baier greifen auf zwei Befragungsstudien des KFN zurück. Auf eine Schülerbefragung aus
den Jahren 2007 und 2008 und eine Erwachsenenbefragung aus dem Jahr 2011. Keine neuen
Daten also. Und beide Studien wurden auch bereits öffentlichkeitswirksam dargestellt. Man fragt
sich, warum das Ganze zu diesem Zeitpunkt noch einmal mit großem Effekt wiederholt wird.
 
Bereits nach den ersten Veröffentlichungen gab es zahlreiche Proteste, weil sie durch ungenaue
Forschungsergebnisse sehr vereinfachte Klischees erzeugten, die zur pauschalen Diffamierung aller
Christen führte, die sich als freikirchlich bezeichnen. Die Vereinigung Evangelischer Freikirchen
bemühte sich intensiv um das Gespräch mit Prof. Pfeiffer. Er zeigte sich auch durchaus
gesprächsbereit, setzte aber keine Anregung um, die Abfrage genauer nach den sehr
unterschiedlichen Gruppierungen im gesamtfreikirchlichen Milieu (von kleinen Hauskreisen,
charismatischen Sondergruppen, völlig frei organisierten Gemeinden bis hin zu den etablierten
Freikirchen) zu differenzieren.
 
Und das, obwohl es die Zusage seitens des Instituts gegeben hatte, vor einer möglichen erneuten
Veröffentlichung die Auswertung noch einmal zu überprüfen und zu differenzieren, so dass die
Unschärfe in der Argumentation nicht die etablierten Freikirchen trifft. An diese Zusage fühlte sich
Prof. Pfeiffer augenscheinlich nicht gebunden, so dass er bei einem Kongress in Bielefeld
medienwirksam seine pauschalen Urteile über „evangelisch-freikirchliche Gemeinden“ wiederholte.
 
Zu den erhobenen Zahlen ist anzumerken: Die erste Schülerbefragung (2007/2008) erfasste 44.610
Jugendliche. „Von diesen Jugendlichen gehören 11.831 dem katholischen Glauben, 11.627 dem
evangelischen Glauben an. Unter den evangelischen Jugendlichen finden sich insgesamt 431
Schüler, die angaben, einer Freikirche anzugehören. Um welche Freikirche es sich genau handelt,
wurde nicht erfragt.“ (S.3) Dieser Satz macht deutlich, wie dünn die Basis für alle Behauptungen ist:
1% der Befragten sind irgendeinem freikirchlichen Milieu zuzuordnen, das nicht näher differenziert
wird. Und Pfeiffer/Baier geben zu, dass sie keine Ahnung haben, von welch einer Gruppierung die
Schüler sprechen, wenn sie das Wort „Freikirche“ ankreuzen. Es stellt sich die Frage, ob eine Studie,
die auf so dünne Argumente gegründet ist, überhaupt als wissenschaftlich seriös bezeichnet werden
kann.
 
Die Studie im Jahr 2011 hat 11.428 Personen erfasst. „Hiervon gehören 2.638 Personen dem
katholischen Glauben an und 2.648 dem evangelischen Glauben; in dieser Gruppe befinden sich 124
Befragte mit Zugehörigkeit zu einer evangelisch-freikirchlichen Gemeinschaft.“ (S.3)
 
Alle weiteren Schlussfolgerungen beziehen sich also auf 124 nicht näher definierte „Freikirchler“ und
diese werden den über 5.000 Landeskirchlern statistisch gegenübergestellt. Im Weiteren wird
allerdings immer nur mit Prozentzahlen gearbeitet, nicht mehr mit den realen Zahlen. Wenn also
etwa 60 Personen aus irgendeiner „Freikirche“ Gewalt in ihrer Erziehung erlebt haben, stehen dem
weit über 2.000 Menschen gegenüber, die Vergleichbares in ihrer landeskirchlich geprägten Familie
erleiden mussten. Und daraus wird die Botschaft abgeleitet, dass Freikirchen eine Bedrohung für
friedliche und gewaltfreie Kindeserziehung darstellen. Das ist absurd.
 
Die weitere Darstellung der jeweiligen Prozentzahlen bezieht sich immer wieder auf die geringe Zahl
von Personen, die sich einer Freikirche zugehörig fühlen, wird aber immer wieder nur prozentual
ausgeführt. Daraus werden aber Schlussfolgerungen gezogen wie „In evangelisch-freikirchlichen
Familien nimmt der Anteil gewaltfrei erzogener Schüler mit zunehmender Religiosität linear ab (von
56,1 auf 20,9 %), der Anteil an Schülern mit schweren Gewalterfahrungen fast linear zu.“ (S. 7)
 
Gefragt wird nach den Ursachen, „warum bei den evangelisch-freikirchlichen Familien mit
zunehmender Religiosität der Anteil der Kinder deutlich ansteigt, die massive innerfamiliäre Gewalt
erlebt haben.“ (S.8) Pfeiffer/Baier greifen als Erklärungsmuster auf eine Veröffentlichung von Pinker
(Gewalt, Eine neue Geschichte der Menschheit, Frankfurt, Fischer) zurück und behaupten: „Unter
Hinweis auf verschiedene Bibelstellen kann er belegen, dass es eine christliche Tradition des
erzieherisch motivierten Schlagens von Kindern gibt.“ (S.8) Zitiert werden dann einige
alttestamentliche Stellen besonders aus den Sprüchen, die nicht unbedingt zum Kern des
christlichen Glaubens gezählt werden können. Den Bezug zu den „evangelisch-freikirchlichen
Gemeinden“ – der in dieser Schreibweise immer ein eindeutiger Bezug zum Bund Evangelisch-
Freikirchlicher Gemeinden ist – stellen Pfeiffer/Baier dann auf Seite 9 dar, wenn behauptet wird,
„dass in einem beachtlichen Teil solcher Gemeinden die Eltern dazu aufgerufen werden, in der
Erziehung ihrer Kinder Schläge gezielt einzusetzen.“
Mal davon abgesehen, dass ein solcher Aufruf strafbar wäre und sofort verfolgt werden müsste,
bleiben die Autoren jeden Beweis dieser ungeheuren Unterstellung schuldig.
 
Es bleibt bei der Behauptung: „Einen Beleg für die These, dass eine derartige Erziehungskultur in
evangelisch-freikirchlichen Gemeinden besonders gepflegt wird, haben Florian Götz und Oliver das
Gupta am 30.09.2010 in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht.“ (S.9)
 
Der genannte Artikel beschäftigt sich hauptsächlich mit mysteriösen Erziehungsratgebern unter dem
Titel „Liebe geht durch den Stock“, die von einer Europäischen Missionspresse verkauft wurden.
Vermutlich haben diese Bücher tatsächlich auch eine Leserschaft, wohl aber kaum in Evangelisch-
Freikirchlichen Gemeinden.
Und selbst wenn, ist aus dem Verkauf von Büchern noch lange kein Erziehungsstil einer Konfession
oder konfessionellen Gruppe abzulesen. Eine solche Unterstellung ist nicht wissenschaftlich
erarbeitet und belegbar und im höchsten Maß diffamierend.
 
III. Religiosität und Verhaltensauffälligkeiten sowie persönliche Fehlentwicklungen
Unter dieser Überschrift gibt es doch tatsächlich einmal etwas Positives über die so genannten
Freikirchen zu berichten: „Das Ergebnis, dass evangelisch-freikrichliche Jugendliche die geringste
Gewalttäterquote aufweisen und dass auch bei dieser Gruppe tendenziell mit zunehmender
Religiosität ein schwacher Rückgang der Gewalttäteranteile festzustellen ist, überrascht vor dem
Hintergrund der Befunde zur innerfamiliären Gewalt.“ (S.11)
 
Aber schon bald findet sich eine einleuchtende Erklärung, die das negative Bild von Freikirchen
wieder bestätigt: „Es erscheint plausibel, dass in evangelisch-freikirchlichen Gemeinden stark religiös
geprägte Eltern, die ihre Kinder mit Schlägen erziehen, gleichzeitig auch ein hohes Maß an sozialer
Kontrolle über das Freizeitverhalten der Jungen und Mädchen ausüben und zudem eine ausgeprägte
Furcht vor den schmerzhaften Konsequenzen eigenen Fehlverhaltens erzeugen.“ (S.11)
 
Zum Schluss wird betont: „Die positive, Lebenssinn stiftende Wirkung der Religion wird in dieser
Gruppe [nämlich bei den „evangelisch-freikirchlichen“ Jugendlichen] durch die häufigere
innerfamiliäre Gewalterfahrung aufgehoben. Im Ergebnis zeigt sich damit, dass sehr religiöse
Jugendliche aus katholischen und evangelischen Gemeinden zu etwa der Hälfte mit ihrem Leben
sehr zufrieden sind. Bei evangelisch-freikirchlichen Gemeinden trifft das nur auf jeden Dritten zu.“
(S.12)
 
IV. Zusammenfassung und Diskussion
Ehrlicherweise weisen die Autoren auf eine Schwäche ihrer Studie sogar hin: „Es sind keine
differenzierten Aussagen über einzelne freikirchliche Gemeinschaften möglich.“ (S.13) Diese
offensichtliche Schwäche hält die Verfasser aber nicht davon ab, bei ihren pauschalen und
diffamierenden Äußerungen zu bleiben und immer wieder – trotz besseren Wissens – explizit den
Namen „evangelisch-freikirchliche Gemeinden“ für eine völlig diffuse Gruppierung zu gebrauchen,
deren Zusammensetzung im Dunkeln bleibt, aber eines ganz sicher nicht ist, eine zutreffende
Beschreibung von Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinden.
 
Oldenburg, den 25.04.2013 Friedrich Schneider