Islam

RELIGION, POLITISCHE- UND GESELLSCHAFTSORDNUNG

Die Berichterstattung in den Medien ist verwirrend – der Islam wird regelmäßig mit terroristischen Plänen und Anschlägen in Verbindung gebracht, er wird vehement verteidigt und wird, westlichem Denkmuster folgend, in den Bereich der privaten Religion geschoben.

  • Es ist auch nicht leicht, ein einheitliches Bild von Muslimen selbst zu bekommen, dafür sind die Vertreter des Islam zu unterschiedlich – Osama bin Laden in Afghanistan und der Sprecher der Grünen im deutschen Bundestag, Cem Özdemir, z.b., die Armen in den Slumgebieten von Kairo, die den radikalen Moslembrüdern ihre Stimme geben und die türkischen Gemüsehändler in unseren Nachbarschaften, die Reichen in den Emiraten am Golf und die arbeitslosen Einwanderer in England. Auf Grund dieser unterschiedlichen Darstellungen des Islam auf dem Hintergrund der Ereignisse vom 11.September und dem, was bis heute folgt, ist es dringender als zuvor, uns mit dem Islam zu beschäftigen.
  • Man kann sich die Welt der Muslime vielleicht als Pyramide vorstellen, in deren Zentrum der Koran und die Überlieferungen stehen. Unten auf der breiten Fläche befindet sich die große Mehrheit der Muslime, die mehr oder weniger Kenntnis der islamischen Schriften hat und die einfach im Frieden leben wollen. Je höher man steigt, umso stärker kommen Inhalte des Koran zur Geltung.
  • Unter diesen Muslimen findet man wohl die unterschiedlichsten Interpretationen des Koran. Schließlich hat man in der Spitze der Pyramide die – verhältnismäßig kleine – Gruppe der Fundamentlisten oder der Radikalen, der Islamisten. Sie verlangt undifferenziert im Namen des Islam radikale Erfüllung einzelner Gebote, will islamische Staatsformen durchsetzen, und wendet – auch im Namen des Islam – Gewalt an, um ihre Ziele zu erreichen.
  • Man kann aber diese Erscheinungsformen nicht einfach von der Religion des Islam lösen – trotz der Beteuerungen von islamischen Gelehrten im Westen, dass Bin Ladens Gottesbild, der im Namen Allahs Kampf und Vernichtung predigt, nicht dem Islam entspreche, dass vielmehr der Islam „eine Religion der Toleranz, des Friedens und der Nächstenliebe“ sei. Natürlich wollen sie beruhigen – mit Recht – und andere Seiten islamischer Religion aufzeigen. Aber mit solcher Argumentation identifizieren sie sich schon mit westlicher, analytischer und differenzierender Denkweise.
  • Das isl. Weltbild ist hingegen ganzheitlich. Ganz wesentlich dazu gehört die Aufteilung der Welt in ein „Haus des Islam“ (Dar-ul-Islam) und – bezeichnend – ein „Haus des Krieges“ (Dar –ul-Harb). Im Haus des Islam leben die Gläubigen, hier gilt die Sharia, das islamische Gesetz. Im Haus des Krieges leben die „Ungläubigen“. Das erklärte, im Koran beschriebene Ziel des Islam ist nun, das Haus des Krieges in ein Haus des Islam zu verwandeln. Diese Überzeugung gehen zurück auf Mohammed, der seinen Kampf mit der Aussicht für Märtyrer, besonderen Lohn von Allah zu empfangen, legitimierte (Sure 9,20-22). Der Islam will die Weltherrschaft (Sure 48,28).
  • Von dieser islamischen Weltgesellschaft sagt der Koran, dass es die „beste aller Gemeinschaften“ sei (Sure 3,110). Dieses Ziel soll auf unterschiedliche Weise erreicht werden. Dazu gehört die friedliche Ausbreitung, aber auch der Dschihad, der „Heilige Krieg“. Der Westen ist in den Augen von Muslimen christlich. Dagegen hat sich eine Jahrhunderte alte Gegnerschaft aufgebaut. Begründet ist sie in der Ablehnung des Propheten Mohammed durch Juden und Christen in der Frühzeit des Islam (Sure 2,120). Nachdem er die Anhänger dieser beiden Religionen zunächst als „Besitzer des Buches“ und ihre Botschaften als Vorläufer des Koran sehr wert geschätzt hatte (Sure 2,46-48), änderte sich diese gute Meinung, und Mohammed befahl den Krieg. Seit dieser Zeit entwickelten sich die Anti-Suren im Koran. Von der ganzheitlichen Sicht des Islam her gesehen ist es nicht weit vom theologischen Gegensatz bis zur gesellschaftlichen Kritik am Westen.
  • Die Dekadenz im Westen, in „christlichen Ländern“ äußert sich für Muslime in Alkoholismus, Prostitution und Pornographie, in Homosexualität und Drogenkonsum, in ungerechten Wirtschaftssystemen und Verschwendungssucht, in den Rechten der Frauen und in Miniröcken. Dafür werden unsere liberalen politischen Verhältnisse, also unser demokratisches und pluralistischen System, verantwortlich gemacht. So ist es verständlich, dass Demokratie kein nachahmenswertes Modell ist. Es gibt ein islamisches Bewusstsein, das islamische Länder eint. Religion ist keine Privatsache.
  • Vom Evangelium her, der Grundlage christlichen Glaubens, sind Christen gefordert, Muslime mit Respekt und Nächstenliebe zu begegnen. Aber auch Kenntnis, um nicht blind zu sein für islamische Realität. Das bedeutet, sich Mühe machen, um zu verstehen. Nächstenliebe wird sich äußern im Beistand für notleidende Menschen bei uns und in islamischen Ländern. Nächstenliebe heißt aber auch, eine klare Botschaft zu haben: Aus dem Chaos der Welt rettet uns nur eine Bekehrung zu Gott im Glauben an Jesus Christus. Denn da findet auch die innere Veränderung statt, die fähig für das Zusammenleben von Menschen macht. Der Dialog der Religionen, wie immer wieder von namhaften Persönlichkeiten gefordert wird, ist dafür kein Ersatz.